Thüringens Kitas im Umbruch: Weniger Kinder heißt nicht weniger Handlungsbedarf
„Weniger Kinder heißt weniger Personalbedarf" – ein Trugschluss, den der Kita-Bericht 2026 des Paritätischen Gesamtverbandes widerlegt. Grundlage ist die bislang größte Datenbasis des Verbandes: 3.267 erfasste Einrichtungen bundesweit. Insbesondere in Thüringen sind die Auswirkungen des demografischen Wandels bereits deutlich im Kita-System sichtbar. Der Paritätische Thüringen sieht darin eine Chance, die Qualität der Betreuung im Freistaat gezielt zu verbessern, statt Stellen abzubauen.
Schon heute reicht der vorgegebene Personalschlüssel in Thüringen vielerorts nicht aus, um Kinder bedarfsgerecht zu betreuen. Bundesweit gibt mit 65,3 Prozent ein neuer Rekordanteil der Fachkräfte an, den Bedürfnissen der Kinder mit dem aktuellen Schlüssel nicht mehr gerecht werden zu können. Die Folge: Fast 90 Prozent der Einrichtungen berichten von einer starken psychischen Beanspruchung ihres Personals, in 43,5 Prozent hat innerhalb eines Jahres mindestens eine Fachkraft die Einrichtung aus psychischen Gründen verlassen.
Gleichzeitig zeigt der Bericht für Thüringen: Die Einrichtungen weisen durchschnittlich 15,2 Prozent unbesetzte Betreuungsplätze aufgrund fehlender Kinder auf. Knapp 90 Prozent dieser nicht belegbaren Plätze gehen auf die mangelnde Nachfrage zurück. Der demografische Wandel trifft damit auf ein System, das schon vorher am Limit arbeitete.
„Das Kita Personal ist seit Jahren überlastet, weil der Personalschlüssel nicht ausreicht, um allen Anforderungen und Bedarfen gerecht zu werden – das ist in Thüringen nichts Neues", sagt Reimund Schröter, Referent für Kindertageseinrichtungen beim Paritätischen Thüringen. „Die naheliegende Reaktion auf sinkende Kinderzahlen wäre, jetzt Personal abzubauen. Das wäre aber genau der falsche Schluss. Wo eine Kita schließt oder eine Stelle wegfällt, verschwindet Infrastruktur und Fachwissen, das wir übermorgen wieder brauchen. Sinkende Kinderzahlen sind kein Grund zum Abbau, sondern eine seltene Gelegenheit, die Qualität unserer Kitas zu verbessern."
Potenzial nutzen statt Personal abbauen
Wo Gruppen kleiner werden oder Plätze frei bleiben, entsteht Spielraum, das vorhandene Personal gezielter dort einzusetzen, wo der Bedarf am größten ist. Kitas mit besonderen Herausforderungen könnten mit Hilfe eines Thüringer Kita-Sozialindexes so gestärkt werden, etwa durch zusätzliche Funktionsstellen für sprachliche Bildung, Kita-Sozialarbeit oder Inklusion.
„Das ist ein doppelter Gewinn", erklärt Schröter. „Wir verbessern die Chancen der Kinder, die besondere Unterstützung brauchen, und verhindern gleichzeitig, dass der demografische Wandel automatisch zu Personalabbau führt – indem vorhandene Stellen bedarfsorientiert statt starr nach Kinderzahl verteilt werden. Das ist jetzt möglich, wenn wir den Moment richtig nutzen."
Bericht als Auftrag verstehen
Der Paritätische Thüringen sieht in den Ergebnissen des Kita-Berichts 2026 einen klaren Auftrag an die Landespolitik. Mit dem zum 1. Januar 2027 geplanten KiTa-Startchancen- und -Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) und der vom Thüringer Landtag eingesetzten AG Zukunft Kita steht dafür ein passender Rahmen bereit: Bis Ende 2026 soll ein Thüringer Zukunftsplan für Kindergärten erarbeitet werden.
„Die Ergebnisse des Kita-Berichts sind unbequem, aber genau deshalb wertvoll: Sie zeigen uns schwarz auf weiß, wo es in Thüringen hakt", sagt Reimund Schröter. „Jetzt kommt es darauf an, diese Erkenntnisse nicht liegen zu lassen, sondern zielgerichtet anzugehen. Dafür bietet sich die AG Zukunft Kita geradezu an: Wir sind Teil dieser Arbeitsgruppe und appellieren an die Landesregierung, den Bericht als Startpunkt zu nutzen, um die Kita-Landschaft in Thüringen jetzt konkret zu verbessern."

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